Die Stadt Aachen ist stolz auf seine Elite-Universität, die RWTH Aachen. Aachen ist und bleibt eine Studentenstadt, das Stadtbild wird geprägt von Unibauten und jungen Leuten. Und bald steht die Stadt vor großen Herausforderungen, durch doppelte  Abiturjahrgänge und Wegfall von Zivil- und Wehrdienst steht eine Horde Neustudierende vor der Tür, die Aachen in der Größenordnung bisher nicht gekannt hat.

Die Stadt Aachen hat daher auf Steuerzahlerkosten vor zwei Monaten die Initiative „Extraraum“ gestartet. Das Ziel: Mehr Wohnraum für Studenten. Dazu gibt es eine schicke Webseite und 70.000 Hausbesitzer haben zusammen mit ihrem Grundabgabenbescheid, quasi als kleine Botschaft wo das Geld für sowas herkommen soll, Infomaterial erhalten, mit der Aussage: „Wir brauchen Wohnungen für unsere Studenten. Gebt her, was ihr könnt“.

Ich frage mich als Mitglied der Mehrheit in Aachen – dazu zähle ich ganz normale Arbeiter, Angestellte, Azubis, Arbeitslose, Alleinerziehende – also die ganze Nicht-Elite – warum ist diese Aktion nur auf Studenten begrenzt? Der Wohnraum ist für alle knapp, die Mieten sind hoch und steigen immer weiter und manch einer von der Nicht-Elite kann Sie sich noch weniger leisten, als die Studenten.

Wäre es da nicht sinnvoller, gleichberechtigt für alle nach Wohnraum zu suchen? Oder noch besser: Anstatt darauf zu warten, dass Camp Hitfeld oder das Grundstück der vermeintlichen Kaiserplatzgalerie neu bebaut wird oder dass nach Jahren sich vielleicht doch mal ein Betrieb auf dem unnützen Gewerbegebiet Avantis ansiedelt, könnte man dort vielleicht noch viel mehr Wohnraum schaffen? Wären die Millionen, die man in Prestigeprojekte und defizitäre Einrichtungen und Vereine steckt, nicht als Wohnraum sinnvoller? Und wie sähe es heute wohl aus, wenn man den allgemeinen Trend, kommunales Wohneigentum an preistreibende Heuschrecken zu verkaufen, rechtzeitig gestoppt hätte?

Eine andere Idee: Anstatt einer prestigeträchtigen Campusbahn benutzen wir das Geld lieber, um die Straßenbahnschienen auszugraben und die Erreichbarkeit und Bezahlbarkeit des Aachener Speckgürtels, sprich Herzogenrath, Eschweiler, Baesweiler, Alsdorf etc., zu verbessern, so dass es kein Problem für alle darstellt, schnell die Uni oder den Arbeitsplatz zu erreichen, auch wenn man nicht im Zentrum wohnt. Im Moment ist der ÖPNV so unattraktiv, dass trotz der Platznot in der Innenstadt, die P+R Flächen ignoriert werden.

Ich habe vor Kurzem zum ersten Mal in Aachen Aushänge gesehen, wo Wohnungssuchende Belohnungen ausloben, für jemanden, der ihnen eine Wohnung verschafft. Das kannte ich bisher nur aus sehr wenigen Großstädten. Lasst es bitte nicht soweit kommen. Übrigens: Das der Studentenansturm so groß werden wird, ist nicht erst seit gestern bekannt.

(Foto: dierk schaefer / flickr.com. Lizenz: CC-BY 2.0)
(Hinweis: Ein möglicherweise zu erahnender leicht spöttischer Unterton zum „Elite“-Begriff ist voll beabsichtigt)
(Update 20:27 Uhr – Kleine Ergänzungen)
Andreas Poschen ist ein Spezialist für E-Commerce, UX und Digital Marketing aus Aachen. Er arbeitet als Product Owner Smart Home für Web, iOS und Android bei einem IT-Mittelständler und schreibt in diesem Blog über seine Arbeit als PO und seine Gedanken. Folgt ihm gerne auf:

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2 Kommentare zu “Nicht-Elite sein in Aachen

  1. dandelion on

    Ich bin ganz deiner Meinung! Aachen besteht nicht nur aus der RWTH, sondern auch aus normalen Menschen, die arbeiten (oder auch nicht). Mehr Studentene bedeutet zwar mehr Geld, allerdings in diesem Fall auch auf Kosten der Anwohner…

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